Vom guten Zuhören ...


Von nun an ging es der kleinen Momo gut. Man könnte denken, dass Momo einfach grosses Glück gehabt hatte, an so freundliche Leute geraten zu sein und Momo selbst war durchaus dieser Ansicht. Aber für die Leute stellte sich schon bald heraus, dass sie nicht weniger Glück gehabt hatten. Und wer noch nicht gemerkt hatte, dass er sie brauchte, zu dem sagten die andern: "Geh doch zu Momo!" ...

Aber warum? War Momo vielleicht so unglaublich klug, dass sie jedem Menschen einen guten Rat geben konnte? ...Konnte Sie vielleicht zaubern? ... Nichts von alledem.

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: zuhören. Das ist nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören, das können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. 

Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie sass nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren grossen Augen an und der betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie konnte so zuhören, dass ratlose und unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn genauso wie alle Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. 

So konnte Momo zuhören.

 

aus MOMO, Piper-Verlag, München, S. 13 ff