Michael Ende im Gespäch.

Momo, das ist keine Fluchtliteratur.

Ich erinnere mich, wie mir in einer Diskussion vorgeworfen wurde, dass ich [...in Momo...] die Gesellschaft der Ausbeuter als eine Geister- oder Gespenster-Gesellschaft zeige. Das sei ein Ausweichen vor dem eigentlichen Problem. Man könne doch nun einmal die Ausbeuter in unserer Gesellschaft mit Vor- und Nachnamen nennen. Ich antwortete damals, dass ich nicht glaube, dass die Problematik, in der wir heute stehen, nämlich die Problematik der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt, durch den bösartigen Charakter einiger weniger Ausbeuter zustande käme. Ich wollte eben gerade die Moral der Wildwestfilme vermeiden, in denen man alle Bösewichte totschiesst. Und dann ist die Welt wieder in Orndung.

Aber ich habe mir nie eingebildet, die Fragen der Industriegesellschaft mit einer einzigen Geschichte lösen zu können. Ich halte es sogar für ausgeschlossen, eine Geschichte oder ein Märchen zu finden, das eine fertige, konkrete Lösung der Fragen der Industriegesellschaft enthält. Aufgabe des Schriftstellers kann es nur sein, soziales Bewusstsein zu schaffen. Und das hat die Momo ja auf ihre Art bewirkt. Unsere Industriegesellschaft ist kein individuelles, sondern ein gesamtheitliches Problem. Dehalb kann sie von keiner einzelnen Momo verändert werden. Aber der Typ Momo kann diese Gemeinschaft herstellen, dieses Netzwerk von Freunden und Gleichgesinnten, die gemeinsam stark genug sind, den Grauen Herren zu begegnen.

aus Tilman Schröder: "Erwachsene nur in Begleitung von Kindern zugelassen!"
Erinnerungen an Jim Knopf, Momo und Michael Ende zu dessen 75. Geburtstag, 2004.


Schreiben als Abenteuer

Eigentlich wollte Michael Ende immer für das Theater schreiben. Hier erzählt er Joachim Fuchsberger, wie es zu Jim Knopf kam. Diese Geschichte machte ihn zwar über Nacht berühmt, brachte ihm aber auch den "ewigen" Ruf eines Kinder- und Jugendbuchautors ein.

Quelle: 



Michael Ende im Gespräch.

Wieso die grauen Herren Momos Zeit nicht stehlen können.

"Ich hatte fast alle einzelnen Szenen aus der Momo schon fertig. Ich hatte die Figuren, ich hatte auch schon einzelne Kapitel geschrieben, konnte das Buch aber sechs Jahre nicht fertigschreiben, weil mir eine einzige Regel noch fehlte. Die Frage hieß ganz einfach: 'Wenn die Zeitdiebe, die Grauen Herren, allen Menschen ihre Zeit stehlen können, warum können sie sie der Momo nicht stehlen?' Man kann sich nun natürlich helfen, und schlechte Schriftsteller tun das, indem man Momo einfach irgendeine charismatische Eigenschaft gibt, die das verhindert. Sie hat z.B. einen Lichtpanzer oder sonst irgendetwas. Eines Morgens beim Frühstück sagte ich plötzlich zu meiner Frau: 'Jetzt hab' ich es!' Ganz einfach: Zeit stehlen kann man nur demjenigen, der Zeit spart, denn jemand, durch den die Zeit sozusagen immer hindurchfließt, der seine Zeit nicht festzuhalten versucht, der hat ja gar keine, die man ihm stehlen kann, da ist nichts zu stehlen. Damit war die Idee der Zeitsparkasse geboren, und auf einmal funktionierte die ganze Geschichte von vorn bis hinten."