Michael Ende im Gespräch.

Über Geld und Wachstum

Es ist vollkommen wahnwitzig zu glauben ..., man könne alle Eventualitäten bei der Verwendung atomarer Eneregie, sei diese nun militärisch oder "friedlich" kontrollieren und in den Griff bekommen. Das wissen die Verantwortlichen aller Lager nur zu gut. Dennoch werden sie nach jedem GAU von neuem beteuern, dass dieser nun ganz bestimmt der letzte gewesen sei und sich ähnliches nie mehr ereignen werde. Das war bisher so, das wird so bleiben.

Der Grund für dieses verzweifelte Sichblindstellen liegt in einem Wirtschafts- und Finanzsystem, das inzwischen alle Merkmale einer veritablen Karzinombildung angenommen hat: Es muss ständig wachsen, um zu existieren. Dieses Prinzip gilt für den ehemaligen Staatskapitalismus ebenso wie für den noch existierenden Privatkapitalismus. Man muss sich klar darüber sein, dass es in unserer gegenwärtigen Welt überhaupt kein praktisches Beispiel einer nichtkapitalistischen Wirtschaft gibt, also einer, die der Bedürfnisbefriedigung der Menschen dient, ohne einem Wachstumszwang zu unterliegen. Dieses "wunderbare" Wachstum kommt aber eben nicht aus nichts. Die horrenden Kosten zahlen heute die Dritte Welt und, global, die Natur, die rücksichtslos ausgebeutet und zerstört wird. Und wo die natürlichen Ressourcen nicht mehr ausreichen, muss der ständig wachsende Energiebedarf eben durch "unnatürliche" befriedigt werden. Es bedarf wahrhaftig keiner grossen Phantasie, sich vorzustellen, wo diese Entwicklung hinführt. Es hat auch keinen Zweck, an den 

Quelle: Michael Ende (2011): Zettelkasten. Piper, München

Die Rolle des Lesers

Für Bertolt Brecht dienen letztlich Theater und Literatur nur dazu, den Leser oder den Betrachter zu indoktrinieren oder jedenfalls gesellschaftspolitisch aufzuklären. Diese Haltung ist für Michael Ende inakzeptabel, da sie voraussetzt, dass der Schriftsteller der Aufklärer und der Zuschauer oder Leser der Aufzuklärende seien. Er selbst aber geht keineswegs davon aus, dass ein Leser "ein bisschen dümmer oder unwissender als der Autor [sei] und zum Denken gebracht werden [müsse]. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass mein Leser mindestens genauso gescheit und aufgeklärt ist wie ich. Was will ich ihn lehren? Ich will meinen Leser zunächst einmal unterhalten. Ich will ihn zu einer Art gemeinsamem Spiel einladen, und wenn er sich auf das Spiel einlässt, wird er dabei einiges erleben, was ihn vielleicht innerlich reicher macht. Wenn es gut ist, was ich geschrieben habe, wird es ihn vielleicht sogar glücklich machen. Meine Leser sollen sich nicht nachträglich schämen müssen, gelacht und geweint zu haben bei dem Spiel, das ich ihnen vorgeschlagen habe, vielleicht hat es sie sogar durchgeschüttelt, aber sie kommen - und wenn es nur ein paar Stunden anhält - mit frischgebügelter Seele heraus."